Trans-Gesundheitsversorgung


Linz, Rowling und eine Vaginoplastik


September 15, 2026

Mit Meinungsfreiheit und Selbstbestimmung habe ich meine Schuld eingelöst, klarzustellen, was ich damit meine, dass trans Frauen das Gender „Frau“ nicht als einzige Gruppe biologischer Männer für sich pachten können. Die Debatte um die trans Gesundheitsversorgung, nachdem eine trans Frau in Linz von Klinik zu Klinik gereicht wurde, sowie der Aufschrei, nachdem J. K. Rowling „eingestanden hat“, dass geschlechtsangleichende Maßnahmen trans Frauen helfen können, haben aber gezeigt, dass es offensichtlich schwerwiegende Unklarheiten beim Thema Trans-Gesundheitsversorgung gibt.
Zuerst einmal muss aber klar sein, dass es in der Debatte, wie sie von progressiven Stimmen wie Julie Bindel, Kathleen Stock oder Helen Joyce geführt wurde, nie um die Frage ging, ob erwachsene trans Frauen mit Dysphorie eine Operation machen sollten. Es bestand immer ein breiter Konsens darüber, dass diese Operationen trans Frauen offenstehen sollen. J. K. Rowling selbst hatte ganz zu Beginn des Trubels um ihre Position zur Trans-Frage klargestellt, dass sie selbst trans Frauen zu ihren Freunden zählt, die sie voll und ganz unterstützt. Da Rowling Jahrgang 1965 ist, sind diese wohl eher klassische trans Frauen wie Janka Kluge oder PersiaX und weniger postmoderne trans Frauen wie Diva Dave oder Gazelle. Außerdem gehörten mit Blaire White und PersiaX immer auch operierte trans Frauen zu den Kritiker von trans Frauen wie Dylan Mulvaney oder Tessa Ganserer, bei denen unklar war, ob sie überhaupt eine Operation anstreben. 
Meine eigene Position dazu war immer, dass erwachsene Menschen den Weg der sogenannten „geschlechtsangleichenden Maßnahmen“ gehen sollten, wenn sie das denn wollen. Ich möchte aber klar machen, dass genauso wie Personenstandsänderungen auch Operationen, insofern sie staatlich ermöglicht oder finanziert sind, kein exklusiver Sanktus für die trans Interpretation der eigenen Lebensrealität sind.  Der Staat hat genauso wenig das Recht, durch seine Gesetze, Regelungen und Institutionen einzelne Interpretationen von Gendernonkonformität als richtig zu stipulieren, wie er eine Religion nicht als die einzig wahre ausrufen darf.  Auch ist es nicht in Ordnung, Männern mit einer Geschlechtsdysphorie zunächst eine trans Identität nahezulegen. Rechte und Möglichkeiten unterliegen dem Gleichheitsgebot, und es gibt hier keinen Grund, andere (im Trans-Sprech cis) Männer, von einer Vaginoplastik auszuschließen, wenn sie diese wollen oder an einer Dysphorie leiden. Denn trans Frauen sind nicht die einzige Gruppe biologisch männlicher Menschen, die eine Vaginoplastik anstreben. Im Jahr 2024 (oder war es erst 2025?) ging ein Fall durch die sozialen Medien, bei dem ein schwuler Mann Mitte 50 eine Vaginoplastik durchführen ließ und anschließend klarstellte, keine trans Frau zu sein, sondern weiterhin ein (hyper-)maskuliner Mann sein zu wollen. Solche Fälle scheinen sich seitdem zu häufen.
Die erste Reaktion auf solche Männer mag sein, dass deren Wunsch wohl nicht ernst genommen werden muss, weil sie sich klar von trans Frauen unterscheiden. Aber solche Reaktionen sind bei näherer Betrachtung eher Anzeichen von Denkfaulheit als Anzeichen von vernünftigen Intuitionen zur Sachlage. Da es trans Frauen gibt, die keine Vaginoplastik durchführen lassen wollen, kann der Wunsch nach so einer Operation kein notwendiger Teil einer Transidentität sein. Das legt nahe, dass es auch außerhalb von Transidentitäten den Wunsch danach geben kann. Dass die Gruppe mit einem solchen Wunsch sehr klein ist, spricht nur insofern gegen sie, wie sie auch gegen trans Frauen als kleine Gruppe sprechen würde. Tatsächlich eröffnet die Vorstellung gleicher Rechte für alle bei Vaginoplastiken einen möglichen anderen Verlauf der Dinge. Die erste Reaktion vieler meiner Leser findet sich wohl auch bei trans Frauen wieder. Daher ist es möglich, dass auch viele derjenigen, die sich derzeit (auch aufgrund einer Dysphorie) als trans Frauen identifizieren, diese Interpretation ihrer eigenen Lage widerrufen könnten, wenn Vaginoplastik nicht mehr mit dem Transsein assoziiert wird.